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Über
den Künstler Johannes
Grützke
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Als Maler, Zeichner und engagierter
Druckgraphiker hat Johannes Grützke seit den sechziger Jahren ein
Werk geschaffen, das durch seine Konsequenz ebenso beeindruckt wie durch
die Wahl seiner Motive und die souveräne Handhabung der Techniken.
Zugleich gibt sein Schaffen Anlaß
zu einer in der heutigen Kunstszene ungewohnte Polarisierung der Meinungen.
Sehen die einen in ihm einen Meister kühner Kompositionen, dem wir
die gewagtesten Allegorien und ergötzlichsten Augenzwinkereien zu
verdanken haben, vermissen andere seinen Namen in den Ausstellungslisten
großer dokumenta-ähnlicher Veranstaltungen, und konstatieren
doch seine herausragende Bedeutung für die heutige Malerei.
Als Johannes Grützke 1973 zusammen
mit seinen drei Kollegen aus der "Schule der Neuen Prächtigkeit" in
der Aachener Neuen Galerie Sammlung Ludwig ausstellte, war er längst
als Exot bekannt. Anfang der sechziger Jahre zählte er zu den wenigen,
die figurativ malten und sich nicht durch Ausstellungen wie die Abstraktions-Bilanz
im Berliner "Haus am Waldsee" (1962) oder das Berlin-Debüt der Pop-Art
in der Akademie der Künste (1964) ablenken ließen.
Von vornherein gehörte er keiner
Gruppierung an: Um ihn zu der verschiedenen Realistischen Strömungen
zu zählen, gab er sich für die einen zu wenig naiv, für
die anderen zu wenig politisch. Harmlose Veduten interessierten ihn ebensowenig
wie das agitatorische Engagement des Kritischen Realismus.
Nicht einmal seine wenigen vom Sujet
her einer politischen Kategorie zugehörigen Bilder vermitteln tatsächlich
eine brauchbare Message. Im Gegenteil: "Benno Ohnesorg greift zum Gewehr"
lautet der Titel eines Bildes, in dem der berühmte Student nicht etwa
als Märtyrer der Studentenrevolte, sondern in Wildwest-Manier mit
panisch - aggressivem Griff zur Waffe auftritt (1968). In einem anderen
Fall ist Herbert Marcuse weniger als geistiger Wortführer der studentischen
Linken, denn als eifriger älterer Herr zu erkennen, dessen "Pychomarxismus"
sich darin äußert, daß er mit Sigmund Freud und Karl Marx,
nebenbei aber auch mit Grützkes Sohn Julius an einem Tische speist
(1969). Walter Ulbricht erscheint in einem gleichnamigen Bild nicht als
derjenige, der den Berliner Mauerbau veranlaßte, sondern als freundlicher
hausbackener Dicker zwischen verlegen grinsenden Drindl-Sozialisten (1970).
Mit ihrem Blick auf die spezifischen
Themen der Zeit sind diese Bilder unzweifelhaft Zeugnisse der deutschen
Gesellschaft der sechziger Jahre, doch ebenso unzweifelhaft lassen sie
erkennen, daß sie aus der Warte eines Außenstehenden gemalt
wurden.
Ebensowenig wie Johannes Grützke
sich in die Reihe derer einordnet, die man üblicherweise Realisten
nennt, paßt seine klassische Malweise dieser Zeit zum rauhen Stil
der Neuen Figuration.
Unter den Berliner Künstlern herrschte
Anfang der 70er Jahre eine Atmosphäre heiterer Intelligenz. Wie im
Sport habe man sich an Einfällen und Verrücktheiten übertrumpft.
Während Berlins Studentenschaft sich an allen Ecken und Enden organisierte,
gefielen sich die meisten Künstler der Neuen Figuration in unpolitischem
Übermut.
In diesem Umfeld bewegte sich auch
die 1973 in Leben gerufene "Schule der Neuen Prächtigkeit" mit Johannes
Grützke, Manfred Bluth, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler. Im
Gewand des Realismus, aber mit der Seele der Neuen Provokateure kultivierten
die vier Maler Verrücktheiten ironischer Variante und stellten sich
mit feierlich-augenzwinkerndem Ernst in die Tradition der großen
Malerei vergangener Jahrhunderte.
Betrachtet man Grützkes Werk losgelöst
von seinem spezifischen historischen Entstehungsumfeld, wird deutlich,
wie viel ihm bei aller Verbundenheit mit dieser Zeit nicht nur von den
übrigen Figurativen, sondern auch von seinen Kameraden der Neuen Prächtigkeit
trennt:
Seit 35 Jahren sondiert Johannes Grützke
fast ausschließlich typische Verhaltensweisen und äußere
wie innere Erscheinungsbilder des Menschen.
In zahllosen bildlichen Varianten kostet
er dessen Fügsamkeit unter seinen kompositorischen Willen aus. Er
versteht es seine Figuren nach Belieben in außergewöhnlichen
Ansichten, am liebsten mit einer oder auch gleich mehreren Diagonalen,
im Leinwandviereck unterzubringen. Ebenso dauerhaft wie Proportionen, Perspektiven
und Bildgeometrien beschäftigen ihn farbliche und strukturelle Darstellungsmöglichkeiten
des Körpers.
Feinmalerei in altmeisterlicher Manier
kennzeichnet die frühen Gemälde dieser Art, seit den achtziger
Jahren fallen dagegen immer häufiger heftige Pinselführung und
unvermittelte Farbaddition auf. Bei allen stilistischen Wandlungen zieht
sich Grützkes Interesse an der Physiognomie nicht nur des Gesichtes,
sondern auch der Hände und des gesamten Körpers wie ein roter
Faden durch sein Werk.
In Berlin aufgewachsen, hatte Johannes
Grützke nach seinem Abgang von der Schule zunächst die Meisterschule
für Kunsthandwerk besucht und wollte sein Talent als Trickfilmzeichner
erproben. Doch dazu kam es nicht und er gelangte über die Klasse für
Glas- und Wandmalerei an der Hochschule für bildende Künste zur
freien Malerei. Während des Studiums ergab sich ein erster hautnaher
Kontakt zum Theater, weil er als Kulissenschieber im "Theater des Westens"
das notwendige Geld verdiente. Diese Gage hat sein Bewußtsein insofern
verändert, daß er erkannte, als Maler leben zu können,
und zwar mit einem Nebenberuf. Gleichzeitig hat sich hier sein folgenschweres
Interesse für die Bühne entzündet.
Seine Auftritte als Schauspieler und
dominierendes Mitglied der 1965 in seinem Atelier gegründeten "Erlebnisgeiger"
sind ebenso unvergessen wie seine Zusammenarbeit mit Peter Zadek, für
den er zahlreiche Bühnenbilder schuf. Seine gleichzeitig werkgerechten
und überraschenden Ausstattungen bedeutender Bühnenaufführungen
als kongeniale Ergänzungen zu Text und Regie entsprechen einer ureigenen
Vorliebe für theatralische Inszenierungen.
Diese Leidenschaft spiegelt sich auch
in seinen Bildern, wo sich vor unseren Augen schwer nachvollziehbare Demonstrationen
irrational wie exemplarischen Verhaltens entwickeln.
Die Dargestellten posieren nicht, sie
wirken überrascht in einem beliebigen Moment ihres Lebens, doch drückt
ihr Minenspiel weder Ärger noch Bestürzung aus, vom Maler "ertappt"
zu sein. Vielmehr blicken sie grinsend, grimassierend auf den Betrachter,
beziehen ihn beinahe körperlich in ihr Agieren ein.
Johannes Grützke nutzt den Effekt
der Vereinnahmung ja auch bewußt in seinem Monumentalgemälde
in der Frankfurter Paulskirche, das ihn einem großen Publikum bekannt
gemacht hat. Da nimmt jeder, der sich an der 3 Meter hohen und 32 Meter
langen Leinwand entlang bewegt, persönlich teil am Marsch der 160
Volksvertreter in Schwarz. Sein "Zug der Volksvertreter", ein uniformierter
Trauerzug, darf als eines der wenigen gelungenen Historienbilder in der
Malerei unseres Jahrhunderts gelten.
Ohne Pathos, mit einem resignativen
Zug, zeigt er hilflose, verwirrte und aneinander Halt suchende Gestalten
ohne die Erhabenheit, die man doch suchen mag. Es kommt zum Stau, man rempelt.
Diesen Gestalten fehlen Tatkraft und Enthusiasmus, sie sind verbittert,
eitel, selbstgefällig, mißtrauisch, rotnäsig, blaß
und schlecht rasiert, übellaunig, neugierig - eben mittelmäßig,
Lokalpolitiker von heute - oder aller Zeiten.
Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist das
Portrait. Sie analysieren charakteristische Züge derer, die ihm Portrait
sitzen. Doch sollten die Portraitwilligen vorher die Bildnisse eines Goya
oder Hals betrachten, für die Frauen und Männer posierten, deren
Selbstbewußtsein auf eine harte Probe gestellt wurde. Der Maler Manfred
Bluth schildert in einem Text anschaulich Grützkes malerisches Vorgehen,
seinen Umgang mit dem Modell, berichtet, wie der Künstler mehrfach
die gestaltete Leinwand abreibt und wiederum erneut übermalt.
"Kaum möglich dürfte es für
ein Modell sein, sich zu langweilen", schreibt Bluth. "Er plaudert viel,
weil es ihm ein Bedürfnis ist, sich mitzuteilen. Und so überschüttet
er seine Modelle mit witzig-paradoxen Bemerkungen, Geistesblitzen, Konfessionen.
Zwischendurch kann er forteilen, um sich ans Klavier zu setzen, wo er präludieren
mag oder musikalische Zitate von Wagner, Schumann oder Mendelsohn zum besten
gibt. Daß all dies nicht aufgesetzt wirkt, ist seinem Charakter zu
verdanken. Grützke ist nämlich ein scheuer Extrovertierter, so
paradox das auch klingen mag." Seine spezielle Sicht der Schönheit
führte so manchen prominenten Portraitauftrag in die Krise. So hat
Grützke das Portrait von Richard von Weizsäcker sechs mal anfertigen
müssen, bis sich der prominente Auftraggeber samt Ehefrau richtig
getroffen sah. Insbesondere Frau Weizsäcker störte die ihrer
Meinung nach zu groß dargestellte Nase, ein Detail, das Grützke
sofort gesehen und bildnerisch betont hatte.
Neben Pinsel und Zeichenstift ist es
das Pastell, dessen Handhabung Grützke wohl deshalb so von der Hand
geht, weil kaum eine zeichnerische Technik malerische Effekte in gleicher
Intensität möglich macht. Linienführung und Schraffuren,
zudem ein Vertreiben der Farbpuderschicht durch Verwischen ermöglichen
eine lebhafte, differenzierte Oberflächengestaltung, deren Schwung
und Spontanität Grützkes Arbeitsweise entspricht. Schließlich
erlaubt ihm diese Technik, knappe, helle Höhungen oder minimale Aussparungen
so einzusetzen, daß differenzierte Helligkeits- und Farbwerte erzielt
werden und seiner Vorliebe für das Detail auch hier Genüge getan
wird.
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